Sigrid im Öko-Rausch…

„Wandel durch Gestaltung“

So lautete der Titel des diesjährigen ÖkoRausch-Symposiums in Köln im Rahmen des ÖkoRausch-Festivals für Design und Nachhaltigkeit.
Häh: Wandel durch Gestaltung? Design soll seinen Beitrag zum Wandel der Gesellschaft leisten? Klingt interessant. Also auf nach Köln. Am Vormittag gab es zunächst viel Gehirnfutter in Form von philosophischen und psychologischen Betrachtungsweisen zu Prozessen des nachhaltigen Wandels.

Hier eine kurze Zusammenfassung der Vorträge: 
Beim Vortrag von Bernd Draser (Ecosign/ Akademie für Gestaltung) lernte ich, dass Design Weltformungs-Kunst ist. Aufgabe des Designers ist das Ver-werfen von Altem und das Ent-werfen gemäß neuer Konzepte der Welt. Der Designer formt – und hat somit Verantwortung für sein Design.
Der Designer und Designphilosoh Viktor Papanek sagte bereits 1970 in seinem Buch „Design für die reale Welt: Anleitungen für eine humane Ökologie und sozialen Wandel“:

„Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des ..Designers, aber viele sind es nicht. Verlogener ist wahrscheinlich nur noch ein Beruf: Werbung zu machen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie Dinge kaufen müssen, die sie nicht brauchen, um Geld, dass sie nicht haben, … – das ist vermutlich der schlimmste Beruf, den es heute gibt. Die industrielle Formgebung braut eine Mischung aus den billigen Idioten zusammen, die von den Werbeleuten verhökert werden, und landet damit gleich auf Rang 2.“

Uiuiui, DAS Buch muß ich lesen! Warum habe ich bloß bisher noch nichts davon gehört?!
Design wird oft nur als „Kosmetik“ oder sogar „unbrauchbar“ wahrgenommen. Design wird oft als üblicher modischer Schnickschnack abgetan. Verantwortungsloses Design gibt es leider zuhauf und kennzeichnet sich dadurch, dass es lediglich Oberflächen aufhübscht, Botschaften beschönigt und Ressourcen verschwendet.
Kunst hingegen gilt heute als höchste Ausdrucksform des Geistes. Aus diesem Ansatz heraus verglich Herr Draser Design im historischen Kontext mit der Kunst, um Gemeinsamkeiten in Bezug auf Ausdruckskraft und Komplexität zu finden. Bis in das 18. Jahrhundert galt Kunst als ebenso unnütz. Bis dahin war Kunst oft nur Nachahmung. Doch mit der industriellen Revolution begann auch der Siegeszug der Kunst. Nachahmung war nicht mehr nötig (es gab nun z.B. Fotografien zur Abbildung der Wirklichkeit). Es hat sich also ein Wandel vollzogen, der aus der Kunst heraus entstand. Es entwickelten sich neue Kunstformen, die zu neuen Betrachtungsweisen anregten.
Nun könnte dem Design mit dem Aufkommen der Nachhaltigkeitsdebatten ein ähnlicher Siegeszug bevorstehen; wenn es dem Design gelingt, die Komplexität der Dinge zu erkennen und entsprechend souverän in komplexen Verflechtungen agiert. Das ist eine Chance für das Design, die genutzt werden sollte!

Bernd Draser beim ÖkoRausch-Symposium:
„Gutes Design ist nachhaltiges Design.
Nachhaltiges Design ist gutes Design.“

Im darauf folgenden Vortrag von Sophie Becker (Umweltpsychologin) sollten die Ursachen für nachhaltigen oder auch nicht-nachhaltigen Konsum betrachtet werden. Ein bekanntes Problem bei diesem Thema ist die Kognitive Dissonanz. Das heißt, es entsteht ein unangenehm empfundener Gefühlszustand aufgrund der Spannung zwischen den Werten und Idealen einerseits und dem Verhalten andererseits (z.B. Bio-Lebensmittel, die in Plastik verpackt sind). Letztendlich geht es bei Konsum um positive Gefühle und die Belohnung für bewußten Konsum.
Es entstand eine lebhafte Diskussion zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation auf Absicht oder Wirkung fokussieren?“. Folgende Fragen wurden zusammenfassend in den Raum gestellt:

  • Ist Nachhaltigkeit nur ein Trend? 
  • Ist „grünes“ Design elitär? 
  • Sollen nachhaltige Produkte überhaupt bewusst als solche gekennzeichnet und beworben werden?
    • Was schreckt ab an grünem Design?
    • Gehirnstürme beim ÖkoRausch-Symposium

    Interessant empfand ich, dass alle Teilnehmer zwar ein Ziel verfolgen: nämlich bewussteren/ nachhaltigen Konsum. Dass wir aber keineswegs als homogene Gruppe definiert werden können. Das ist ein wichtiger Aspekt bei der Zielgruppenanalyse für nachhaltige Produkte und Dienstleistungen.

    Nachdem das Gehirn nun ordentlich ins Qualmen geraten war, folgte ein sehr unterhaltsamer Vortrag des Holländers Joost Backhus, der zweideutig „Rauschvortrag“ betitelt war. Auf sehr unterhaltsame Weise (und mit lustigen Rechtschreibfehlern) klärte er uns über Schwierigkeiten beim Thema Nachhaltigkeit auf. Und er gratulierte uns Deutschen beherzt zu unserer Vorreiterrolle in Sachen Nachhaltigkeit.

    Joost Backhus beim ÖkoRausch-Symposium

    Herr Backhus mahnte, dass Design mehr leisten muss, als nur Dienstleister der Industrie zu sein, sondern die permanente Neuinterpratation von Kontext bieten soll. Durch Design sollen neue Werte geschaffen und etabliert werden. Beim Designprozeß soll bereits an die Wiederverwendung der einzelnen Komponenten gedacht werden – also z.B. lösbare Verbindungen verwenden (Schrauben statt Kleben).

    Zum Abschluß des Tages folgte der Workshop „Mode-Konsum“. Hier stellten Lenka Petzold und Dorle Schmidt ihr Projekt „Modeprotest“ vor, eine Vision zum fortschrittlichen Umgang mit Kleidung. Wir diskutierten über ein „Einheitskleid“ und stellten fest, dass dies Mode für Fortgeschrittene darstellt. Vorgeschlagen wurde auch ein „Ökometer“, mit dessen Hilfe eine Selbsteinschätzung und entsprechende nach außen sichtbare Kodierung erfolgen könnte. Die einzelnen Stufen der Auseinandersetzung mit nachhaltiger Mode werden hier unterteilt in Öko-Fan, Öko-Naut, Öko-Punk und Öko-Nerd.

    Insgesamt war der Tag sehr anregend. Lösungen wurden keine gefunden und geboten. Aber es ergaben sich viele Kontakte und zahlreiche Anreize für aktives Handeln.

    Komplexität war ein Stichwort an diesem Tag. Genauer die Komplexitätskompetenz des Designers. Und das ist ein schönes Schlußwort.

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